Was ist Buchkunst?

Künstlerbücher wie auch Künstlerbuchobjekte visualisieren Wahrnehmungszusammenhänge.

Entdeckungsreise

Die von Künstlerhand gestalteten Buchobjekte erzählen keine fortlaufende Geschichte im herkömmlichen Sinne eines Buches. Gelegentlich enthalten sie keinen oder nur sehr wenig Text. Vielmehr knüpfen diese Bücher an das Wissen des einzelnen Betrachters an, lenken ihn hin zu dem behandelten Thema, das sie auf neue überraschende Weise nun sehen lernen, und binden ihn ein in die Entwicklung der Geschichte, die immer einer Entdeckungsreise gleicht.

Sehgewohnheit

Ein typisches Buchobjekt wirkt auf den ersten Blick immer überraschend und befremdend, da es nicht den allgemeinen Sehgewohnheiten entspricht. Sofort ruft es Neugierde hervor, was das denn sei, was sich da verbirgt, in ungewohnter Form dem Betrachter darbietet.

Betrachter

Tatsächlich wird häufig die Form eines gebundenen Buchs, die Codex-Form, vom Buchkünstler völlig außer Acht gelassen, vielmehr unterwirft er die Buchgestaltung dem Inhalt der erzählten Geschichte. Von der äußeren Erscheinungsform des Buchobjektes wie Farbgebung, Material sowie Technik gelangt der Betrachter zum Inhalt wie Aussage des Werks, d.h. die gesamte Ausführung wirkt auf die Sinne des Betrachters, der aktiv zum Leser wird, sobald er das Buchobjekt in die Hand nimmt, es beschaut, betastet, erfühlt, blättert und dann öffnet, um tatsächlich zum Leser zu werden. Das regt ihn zu Assoziationen, Erinnerungen und Gedanken an, wobei das künstlerisch gestaltete Objekt dem Betrachter dabei durchaus einen Freiraum der Interpretation lässt. Die Geschichte entwickelt sich unter seinen Händen, wird mit seinen Betrachtungen und Gefühlen angereichert, vermischt, erfährt einen Bezug zu ihm selbst. Dieses emotionale Erlebnis beschäftigt ihn, lässt ihn nicht mehr los und bringt ihn zu weiterführenden Betrachtungen.

autonome Kunstwerke

Künstlerbücher wie auch Künstlerbuchobjekte sind autonome Kunstwerke, die zwischen Buch, Bildkunst und Skulptur eine Mittlerrolle einnehmen. Sie unterliegen keinen gegebenen Gesetzmäßigkeiten und widersetzen sich einer starren Definition. Der Buchkunst sind heute keine Grenzen mehr gesetzt. Sei es in der Auswahl des Themas oder der Gestaltungsmittel. Von Handschrift über handgesetzt bis zur Computerschrift, von Zeichnung, Aquarell, Acryl, Mischtechnik, Collage, Frottage, nichts bleibt unversucht. Unterschiedliche Drucktechniken, ob Handabzug oder auf der Presse gedruckt, wie Radierung, Holz- und Linolschnitt, oder experimentelle Drucktechniken wie Materialdruck; alle dienen der Ausdruckskraft des autonomen Kunstwerks. Ebenso werden Fotografie und Fotokopie wie weitere technische Varianten eingesetzt. Ob mit buchfremden Materialien wie Metall, Draht, Karton, Wellpappe, diversen Papiersorten, Kunststoffen, Glas, Plexiglas, Steine, Stoff, Holz, Rinde oder anderem organischen Material wie Federn, Muscheln, Leder oder mit welchen Fundmaterialien auch immer gestaltet wird, hängt ganz allein vom Thema, das der Buchkünstler gewählt hat, und seiner Kreativität ab. Ebenso unterliegen Form, Dimension und Farbigkeit wie auch Buchschnitt und Bindung dem Gestaltungswillen. Einband, Hülle, Schuber oder Kassette finden immer wieder überraschende Lösungen.

„Was ist Buchkunst?” von Friederun Friederichs steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz.