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Selfie: Face to Face

Wer kennt sie nicht, die Selfies, Selbstbildnisse auf die schnelle Art mit dem Handy aufgenommen und ebenso schnell in die weite Welt der Social Media gesandt. In diesem Buchobjekt werden spielerisch "Selfies" vorgeführt. Ein Leerbuch mit japanischer Bindung beherbergt sie in seiner Faltung. Verkürzte hölzerne schmale Selfie-"Stangen" ragen daraus hervor. Fantasievolle Gesichter in den verschiedensten Techniken, erfundene wie beobachtete, doch immer verfremdete, blicken den Betrachter an.

Kolophon: Künstlerbuchobjekt, Unikat, 55 in verschiedenen Techniken gestaltete Blätter in Leerbuch in japanischer Bindung eingelegt, ca 22,4 x 32,8 cm, Blätter ca 24 x 16 cm, Spiegelfolie, Holzstäbchen, Frankfurt 2016, handsigniert

Wenn dieser durch das halbtransparente Papier hindurch scheinende Gesicht neugierig geworden, die verkürzte Selfie-"Stange" herauszieht, kann er nun nicht nur das "Selfie" betrachten, sondern beim Umdrehen sein eigenes Gesicht in der dort aufgebrachten Spiegelfolie erblicken, eben Face to Face.

Woher kommt die weltweit verbreitete unendlich scheinende Lust an den "Selfies"? Manchem wird es überdrüssig zu beobachten, wie vornehmlich junge Leute unentwegt, oft fröhlich kichernd oder Faxen machend, sich vor einem scheinbar beliebigen Hintergrund mit ihrem Smartphone aufnehmen. Doch, ja der Eifelturm muss mit drauf, oder wenigstens ein Stückchen von dem Hintergrund, damit der Empfänger zweifelsfrei sieht, wo man sich gerade befindet. Das "Selfie" befriedigt also nicht nur das Bedürfnis nach Mitteilung, nach eitler Selbstbespiegelung, sondern erhält auch somit einen dokumentarischen Charakter.

Seit es die Fotografie gibt, werden Porträtaufnahmen als günstiger Ersatz für von Künstlerhand gemalte Bildnisse gemacht, allerdings zunächst nur von einem Fotografen. Später, als jeder einen Fotoapparat besaß, wurden die Fotos vielleicht weniger steif, dienten aber ebenfalls zum Festhalten eines Augenblicks, eines Anlasses, einer Person oder des Ortes, wo man sich gerade befand. Es wurden unzählige Alben mit Schnappschüssen von der Familie gefüllt und damit bildhafte Familiengeschichte geschrieben. Auch Reisen wurden mit Fotos sorgfältig dokumentiert.
Mit den heutigen digitalen Kameras und Smartphones sind die Kosten für die Aufnahmen extrem gesunken, es können unbegrenzt viele Aufnahmen gemacht und wieder gelöscht werden. Das wichtigste allerdings scheint die Funktion des Versendens in den sozialen Medien zu sein. Die jeden Augenblick des Tages festhaltenden Selfies scheinen mir wie bildhafte öffentliche Tagebuchaufzeichnungen einer mehr und mehr handschriftlosen Zeit zu sein. Vielleicht könnte man sie als einen Versuch einer Erinnerungskultur in "schriftkulturloser" Gegenwart deuten.
In einer mehr und mehr globalisierten Welt, die den einzelnen Menschen zu marginalisieren scheint, gewährleistet das Selfie die Macht über das eigene (Selbst-) Bild. Dabei ist es nicht nur die erhoffte Kontrolle über das Abbild an sich, sondern es soll auch ein authentisches Bild, das jeder von sich hat, widerspiegeln. Das Selbst wird vielfach schmeichelhaft inszeniert und dient der erwünschten Selbstvergewisserung und dem Bedürfnis nach Mitteilung gleichermaßen.
Der Ausweitung und Verflachung des Freundschaftsbegriffs durch die unbegrenzte Anzahl der "Freunde" in den sozialen Medien mag das Versenden der Selfies vielleicht ein wenig als Ersatz für das Gespräch unter Freunden dienen. Vielleicht gibt das Foto auch gelegentlich tatsächlich Anlass für ein direktes Gespräch, es mag eine zweiseitige Kommunikation entstehen, in der erzählt, berichtet sowie geantwortet wird.
Die Sehnsucht nach Selbstvergewisserung und Selbstverortung mag unbewusst Grund sein für die geschilderte "Selfie-Manie", die die Bühne der Selbstdarstellung und Selbstinszenierung bietet.



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