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Tintenfass - Flaschenpost

Die Glaswände des einem Tintenfass nachempfundenen Künstlerbuch-Objekts sind zerborsten, teilweise hängen umschlungen von Draht wie in einem Netz die bunten im Sonnenlicht glitzernden Glasscherben. Innen steht ein heiles kleines Tintenfass, das den Text der Geschichte enthält.

Kolophon: Künstlerbuch-Objekt, wetterfest, ca 22 x 22 32 cm, Frankfurt 2010, signiert, Draht, Drahtgeflecht, Drahttext, Fundglas vom Strand, Oggebbio, Lago Maggiore, Tintenfass, innen liegend Text

Tintenfass – Flaschenpost

Als ein romantischer Poet verschließe ich meine Gedichte in mein grünes kleines Tintenfass und übergebe dieses als Flaschenpost einem breit dahin fließenden Fluss in der Hoffnung, dass die Wasserfluten meine Werke hinaus aufs Meer und in die weite Welt tragen. Meine Lyrik handelt vom Wasser, von Wellen und Wogen, von Quellen, Bächen und Flüssen, Seen und Meeren.
Ich weiß nicht, ob meine Tintenfass - Flaschenpost der Wucht der Wellen standhält, ob sie an aus dem Wasser ragenden Felsen zerbricht und ihre Scherben von Wind und Wellen irgendwo in der Welt an einen Strand gespült werden. Ich weiß nicht, ob meine Tintenfass - Flaschenpost von Wind und Wellen weit hinaus aufs Meer und über die großen Ozeane getragen werden und irgendwo sanft an ein Ufer anlanden wird. Ich weiß nicht, ob meine Tintenfass - Flaschenpost irgendwann oder überhaupt von einem Menschen gefunden wird und weiß nicht, ob dieser Mensch in der Lage sein wird, diese Zeilen zu lesen, zu verstehen und sich daran zu erfreuen.
Ich weiß es also nicht und doch handle ich so, vielleicht um dem Zufall Nahrung zu geben? In meinen Gedanken träume ich mich als unsichtbarer Beobachter, der meine Tintenfass - Flaschenpost auf ihrem nassen Weg begleitet, ja, sehe mich selbst in diesem kleinen Tintenfässchen umschlossen, das wild oder sanft hin- und hergeschaukelt wird, fortgerissen wird von wuchtigen Wogen, hinab auf sich überstürzenden Wassermassen eines Wasserfalles in die Tiefe eines strudelnden Wasserlaufs, und wieder sanft weiter getragen wird von einer ruhigen Strömung. Ich reite im Fässchen auf gekräuselten Wellen. Dann gleite ich auf einer glatten Oberfläche hin, schaukle ein wenig und habe Zeit, das vorbei gleitende Ufer zu betrachten, hoch in den blauen Himmel zu schauen, auf dem feine Wolkenstreifen schweben, oder hinunter in die dunklen doch klaren Fluten, wo silbrig glitzernde Fische in Schwärmen vorbeischießen oder gemächlich dahin schwimmen.

Manchmal verengt sich der Fluss, wird bedrängt von scheinbar sich nahenden felsigen Ufern und nach mir mit ihren überhängenden Ästen greifenden Bäumen. Wo der Fluss breit zum Strom sich weitet und flacher wie auch das Ufer wird, setzt mich eine Welle sanft plätschernd an einen sandigen Strand. Doch schon mit der nächsten hohen kräftigen Welle, von einem vorbeifahrenden Schiff ausgelöst, werde ich in den Strom zurückgezogen. Wieder treibe ich weiter wie auch die Holzstämme, die von den wilden Frühlingsbächen in den Gebirgen mit fortgerissen worden waren, und die mich nun eine Weile begleiten; es sind lange dicke Äste und kleine Zweige dabei, die sich zusammenrotten und fast einen Teppich bilden, in dem ich festgezurrt erscheine wie in einem Netz verfangen. Aber eine stärker werdende Strömung treibt die hölzerne schwimmende Insel auseinander und mit der glatten Glasoberfläche rutscht mein Tintenfässchen zwischen den Hölzern eilig hin durch. So schwimme ich weiter, hinein in einen großen See und hoffe den vielen Sportbooten, den Ausflugsdampfern, Segelschiffen und vor allem den nahen Netzen der vielen Fischerboote zu entgehen. Das ist nicht ganz einfach und ich beobachte, wie die Schiffe das Treibgut durchbrechen, eine Wellenspur hinter sich herziehend. Aber ich habe mich bereits von der Umzinglung gelöst und treibe nun an ein Schilf bestandenes Ufer; nein, da möchte ich wirklich nicht hängen bleiben.

Ich versuche durch aufgeregtes Hin- und Herhüpfen in dem kleinen Glasgehäuse meine Treibrichtung zu ändern. Aber es hilft nichts, ich hänge bald zwischen den Schilfstängeln fest, nur eine kaum merkliche Bewegung im Rhythmus der leise gurgelnden Wellen bleibt mir. Ich blicke umher, luge zwischen den hohen Pflanzen hindurch, beobachte eine Entenfamilie, die mich besucht, aus nächster Nähe, deren Junge unschlüssig sich hierhin und dorthin drehend, immer im Schlepptau der Mutter bleiben. Dann zieht ein weiß leuchtendes Schwanenpaar gleichgültig an mir vorbei. Nein, ich möchte weiter, möchte nicht in diesem unübersichtlichen grünen Versteck inmitten der glucksenden Wellen unauffindbar sein, wo die vom Wasser umspielten Binsen mich festkrallen; nein, ich möchte den großen Ozean und auf diesem ferne Kontinente erreichen.

Aber vielleicht entdeckt mich doch schon hier am Seeufer ein Mensch, vielleicht der Angler dort, der mit hohen Gummistiefeln im Wasser steht, ab und an seine Angelrute weit hinaus in den See wirft? Nein, er blickt auf den See, schaut, ob ein glitzernder Fisch kurz aus dem Wasser herausspringt; ruhig und gelassen steht der Angler da, womöglich schon seit Stunden. Gelegentlich wirft er allerdings einen leicht besorgten Blick nach oben, zum Himmel, der sich mit dicken dunklen Wolken allmählich füllt, und so packt er dann auch seine Angel ein und zieht wohl ohne Fang sich zum festen Ufer zurück, legt sich für seine Frau daheim schon ein wenig Anglerlatein zurecht, wird von einem riesigen bunten Fisch erzählen, der partout nicht anbeißen wollte.

Schon fallen die ersten schweren Tropfen, bald ergießt sich aus dem gewittrigen Wolkenberg ein endloser Sturzbach, der Regen kräuselt das Wasser zwischen dem dicht stehenden Schilf. Es kommen Wellen gepeitscht vom aufkommenden heftigen Wind, die Wellen leuchten mit weißen Schaumkrönchen, das Wasser, vordem ein sanftes Hellblau des Himmels tragend, verändert sich, wird dunkel, grün und bekommt eine gefährlich erscheinende Tiefe. Noch bin ich im Dickicht der Pflanzen geschützt, aber nicht lange, der Sog einer heftigen sich selbst überrollenden Welle packt mich, zieht mich hinaus auf den See. Mir wird übel, die Wogen, schäumend voller Ärger, scheint es, rütteln mich durch und durch, werfen mich kopfüber, schleudern mich hin und her, die glatten Glaswände des kleinen Tintenfasses geben mir keinen Halt. Die brechenden Wogen schlagen mich ans Sandufer, schon fürchte ich das Zerspringen des Glases und das Hinausgeschleudertwerden, als mich wiederum eine hohe Woge packt und mit festem Griff mich auf ihrem runden Rücken zurücknimmt zur Mitte des Sees.

Plötzlich und unerwartet ist wieder Ruhe am Himmel, er klärt sich, die Sonne kommt hervor, einen doppelten Regenbogen bunt in die noch feuchte Luft malend. Ich beruhige mich, klettere mit den Augen auf dem Regenbogen, der hier mitten auf dem See seinen Fußpunkt zu haben scheint, hinauf bis zu seinem höchsten Punkt, von dem aus ich den wieder blau leuchtenden nun friedlich, ruhig und flach daliegenden See überblicken kann. Der Fluss, der den See nährt, fließt mit seiner starken Strömung in dessen Mitte und verlässt den See an seinem südlichen Ende und ich natürlich mit ihm. Geschafft, ich werde auf diesem Strom zum Meer fahren, werde Abenteuer erleben und bestehen, da bin ich mir sicher, und freudige Erregung ergreift mich, ich springe hoch.

Da klirrt es, und ich fahre aus meinen Träumen auf, blicke auf das zersplitterte Tintenfass, aus dem sich eine schwarze Flüssigkeit über den alten braunen Dielenboden ergießt, eine immer flacher werdende Pfütze, die in dessen staubigen Ritzen versickert. Aus der Traum! Tintenfass - Flaschenpost! Was für eine Idee! Vorsichtig klaube ich mit spitzen Fingern, die sich rasch schwarz färben, die Splitter und Glasscherben aus der schwarzen Tintenlache auf, reibe mir ob der Träumerei über die Augen, fahre über das Gesicht, bemerke nicht, wie sich dieses rabenschwarz und fleckig färbt. Setze mich, greife zu der weißen Schreibfeder auf dem kleinen Schreibpult und tauche sie in das mit roter Tinte gefüllte Tintenfass, das eigentlich nur der Korrektur im Brotberuf vorbehalten war. Ohne zu zögern schreibe ich nieder, welche Abenteuer ich auf meiner großen Reise über den Ozean an unbewohnten Inseln vorbei in ein unbekanntes Land erlebe. Das Plätschern des Aufwischwassers höre ich und nehme es wahr, als ob mein kleines grünes Tintenfass an fernen glucksenden Gestaden angespült würde.



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