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Long ago and far away, Textbuch

Bunte Glasscherben, von Sand und Wasser abgeschliffen, am Strand aufgelesen, verführen zu einer fantasievollen geheimnisvollen Geschichte, woher die Scherben wohl stammen könnten.

Kolophon: 4 Künstlerbücher in Variation, Frankfurt 2010, handsigniert, in Hülle, Leporello mit eingebundenen Textheften, Bindung mit grünem Kördelchen, Leporello gefaltet: ca 23,7 x 24 cm, Leporello geöffnet: 192 cm lang, Texthefte: 17 x 24 cm, Fadenheftung,, gesamte Dicke: ca 3,5 cm Einband Vorderseite: Mosaik mit gesammeltem Fundglas vom Strand, Oggebbio, Lago Maggiore, auf Acrylglas, Einband Rückseite: Fundglasmosaik auf Aktenordnerkarton, Leporello: 3 Doppelseiten, 3 Texthefte mit je 4 Doppelseiten, Gouachemalerei auf festem weißem Papier, Erzählung in persönlicher Kalligraphie, individuelle Lesezeichen

Long ago and far away

Das kleine Mädchen bückte sich geschwind mit einem kleinen, freudigen Ausruf.
Etwas lugte glitzernd aus dem Sand hervor: Eine abgeschliffene grüne Glasscherbe, die im Sonnenlicht blitzte und funkelte. Rund und glänzend wie ein überdimensionierter Edelstein lag sie alsbald fest umschlossen in der kleinen Kinderfaust.
Der alte Mann, der das Kind fest an der Hand zum Ufer des Bergsees geführt hatte, ließ es los und beobachtete die etwa Vierjährige mit den kastanienbraunen Locken, wie sie eifrig den Strand nach weiteren Glasscherben absuchte und in ihr mitgebrachtes rotes Eimerchen legte.
Das Ufer des Bergsees zeigte jetzt im Frühjahr nur einen schmalen Sandsaum, der sich zum Land hin in Geröll von unterschiedlichen kleineren und größeren Steinen verlor. Die Steine stammten aus den vielfältigen Gesteinsschichten der Alpen, aus denen sie von reißenden Wildbächen und stürzenden Wasserfällen nach der Schneeschmelze hinab in den Fluss und von dort in den See geschwemmt worden waren. Da lagen die schönsten nassen Steine, abgeschliffen, gemasert, gefleckt, glitzernd in allen Formen und Farben, doch das Kind würdigte sie keines Blickes, hatte nur Augen für die Glasscherben, die es eifrig aufsammelte.

Der Alte war stehen geblieben, verfolgte mit seinen dunklen Augen aufmerksam seine kleine Enkelin, die ihn völlig vergessen zu haben schien. Nach einer Weile war das Sandeimerchen gefüllt und die Kleine präsentierte ihm stolz seine Last, denn das Eimerchen hatte an Gewicht heftig zugenommen.
Nun setzten die beiden sich auf den großen runden Felsbrocken am Ufer und nahmen die Glasscherben eine nach der anderen heraus, betrachteten aufmerksam ihre jeweils eigenwillige Form und Farbe. Sie sahen die abgeschliffenen Bruchkanten, fühlten ihre Glätte, strichen über ihre glatte glänzende Oberfläche und hielten sie gegen das Sonnenlicht, um ihre Farbreflexe, ihr Farbenspiel zu beobachten. Manche waren jedoch vom Sand opak geschliffen und damit nahezu undurchsichtig geworden.

"Woher kommen die bunten Scherben, Großvater?" wollte das Kind wissen. Der Alte begann von der "Flaschenpost" zu erzählen, die auf einer einsamen Insel von gestrandeten schiffbrüchigen Matrosen dem großen weiten Meer anvertraut worden war.
Als er gedankenverloren eine Scherbe aus dem Eimerchen heraus fischte, und dabei unbeabsichtigt eine weitere, diesmal eine braune, mit abgebrochenem Schriftzug im halb geleerten Eimerchen entdeckte, verstummte er mitten in seiner Erzählung. Das wettergegerbte gebräunte Gesicht des alten Mannes wurde bleich. Mit zittrigen Fingern fuhr er sorgsam über die erhöhten Buchstaben, hielt die Glasscherbe dicht an die altersschwachen Augen, um sich zu vergewissern, doch sie sahen nichts anderes, als was er schon zuvor ertastet hatte. Er kannte den Schriftzug nur zu gut, der sich da reliefartig aus der glatten Oberfläche des Glases hervorwölbte. Er konnte die abgebrochenen fehlenden Buchstaben und die Worte ergänzen. Ihm wurde leicht schwindlig. Die Erinnerung an längst vergangene Tage, an ein Geschehnis vor langer Zeit an einem fernen Ort überfiel ihn. Verloren geglaubte, verdrängte Erinnerungen strömten auf ihn ein. Nein, er wollte nie wieder daran denken, nie wieder sich an sie erinnern. Mit einer heftigen Handbewegung in der Luft suchte er seine Gedanken wegzuwischen, die erbarmungslos aus seinem aufgescheuchten Gedächtnis hervor drängten. Seine Hand landete mit Schwung auf der Kante des scherbengefüllten Eimerchens. Begleitet von einem Aufschrei des kleinen Mädchens fiel der Eimer um, und die Scherben verteilten sich im Sand. Vergeblich hatte das Kind versucht, die fallenden Glasscherben noch aufzufangen.

Der Alte war zurück in der Gegenwart. Erleichtert blickte er die kleine Enkelin an, zog sie mit liebevoller beschützender Geste an sich und flüsterte ihr ins Ohr "es ist alles gut, alles wieder gut", so als wolle er sich selbst damit beruhigen. Dann half er, sich mühsam bückend, dem Mädchen die bunten Scherben wieder aufzusammeln und versprach ihr, aus den vielen zerbrochenen Teilen von Wasser-, Wein-, Bier-, Milch- oder Medizinflaschen wieder etwas Ganzes, etwas Heiles zu machen, so als wenn er damit auch ein altes Unheil wieder gut machen könnte. Er würde mit ihr zusammen, die bunten Glasteile mit einem silbrig schimmernden Draht umwickeln und aus ihnen ein Leporello gestalten, in dem sich die Sonnenstrahlen verfangen und im Garten leuchten können. Leise murmelte er vor sich hin, "ja ein Erinnerungsbuch": "Long ago and far away".
"Woher kommen die bunten Scherben, Großvater?" wiederholte das Kind hartnäckig "Erzähl doch weiter von der Flaschenpost", drängte es ihn. Nein, natürlich wüsste er nicht, woher die Flaschenscherben stammten, dabei kroch eine leichte Röte seinen mageren Hals empor, aber vielfach wären zerbrochene Flaschen früher einfach über Bord geworfen, oder sie seien bei schwerem Seegang von den Schiffen gespült und später an Felsen zerschmettert worden. Sektflaschen würden zudem noch heute bei einer Schiffstaufe an den Bug geschleudert, deren Scherben nun möglicherweise auch hier dabei lägen. "Aber die Flaschenpost", wollte das Kind wiederum wissen, "eine Flaschenpost, die schwimmt, wie du sagst, könnte ich doch auch machen. Wir könnten meine kleine Saftflasche dazu benutzen".

Erleichtert über die fröhliche Wendung, die ihn von der Vergangenheit ablenkte, wandte der Alte sich dem Kind zu, das mit erwartungsvollen Augen ihn vertrauensvoll anschaute. Er griff in seine ausgebeulte Hosentasche und zog einen verknitterten Fetzen Papier sowie einen Bleistiftstummel hervor. Das Mädchen kritzelte ungelenk in Großbuchstaben seinen Namen A L W I N E darauf. Der Alte steckte den Zettel zusammengefaltet in die kleine Flasche und warf diese mit hohem Bogen weit in den See hinaus. Das Kind klatschte vor Freude in seine kleinen sandigen Hände, sah seine Flaschenpost noch eine Weile auf den Wellen schaukeln und zog dann den Großvater zufrieden mit sich fort.



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