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Schneckensirup

Rezepte zum Schneckensirup gibt es wohl. der Sirup soll als Hustensaft gegen hartnäckigen Husten helfen. Das handgeschöpfte Büchlein hilft dagegen mit heiteren abgedruckten Schnecken-Gedichten, denn den Gartenliebhabern sind die Tiere mit oder ohne Haus nicht willkommen.

Kolophon: 3 Unikatbücher in Variation, handsigniert, Frankfurt 2008 6 selbst geschöpfte Blätter, ca 15 x 10,5 cm aus Baumwolle (80 %) und Flachs (20 %), mit farbigen Papiergüssen und Papiermalerei, 5 selbst geschöpfte Blätter, teils doppelt gegautscht und mit Einschlüssen, darauf Handzeichnungen, ca 15 x 10,5 cm, und rückseitig bedruckt Text PC Schrift Times New Roman, schwarz : Grüner Umschlag, Individuelle Lesezeichen aus selbstgeschöpftem Papier mit Papiergüssen

Wilhelm Busch „Die Schnecken“; Justinus Kerner „Das Schneckenhaus“; Joachim Ringelnatz „Straßenbahn 23 und 13“; Friedrich von Hagedorn „Jupiter und die Schnecke“; August Heinrich Hoffmann von Fallersleben „Jeder nach seiner Art“

Die Schnecken

Rötlich dämmert es im Westen,
und der laute Tag verklingt,
nur dass auf den höchsten Ästen
lieblich noch die Drossel singt.

Jetzt in dichtbelaubten Hecken,
wo es still verborgen blieb,
rüstet sich das Volk der Schnecken
für den nächtlichen Betrieb.

Tastend streckt sich ihr Gehörne.
schwach nur ist das Augenlicht.
Dennoch schon aus weiter Ferne
wittern sie ihr Leibgericht.

Schleimig, säumig, aber stete,
immer auf dem nächsten Pfad,

finden sie die Gartenbeete
mit dem schönsten Kopfsalat.

Hier vereint zu ernsten Dingen,
bis zum Morgensonnenschein,
nagen sie geheim und dringen
tief ins grüne Herz hinein.

Darum braucht die Köchin Jettchen
dieses Kraut nie ohne Arg.
Sorgsam prüft sie jedes Blättchen,
ob sich nichts darin verbarg.

Sie hat Furcht, den Zorn zu wecken
ihres lieben gnädgen Herrn.
Kopfsalat, vermischt mit Schnecken,
mag der alte Kerl nicht gern.

Wilhelm Busch
(1832-1908)


Jeder nach seiner Art

Immer langsam, immer langsam
Ohne Sang und ohne Klang
Geht die Schnecke ihren Gang.

Will sie gehen, will sie gehen
In die weite Welt hinaus,
Nimmt sie mit ihr ganzes Haus.

Ist es draußen, ist es draußen
Trübes Wetter, feucht und nass,
Dann spaziert sie in dem Gras.

Scheint die Sonne, scheint die Sonne,
Hängt sie sich an einen Baum,
Bleibt im Haus und rührt sich kaum.

Ihre Weise, ihre Weise
Hat die Schnecke so wie du:
Nun, so lasst sie denn in Ruh!

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(1798-1874


Jupiter und die Schnecke

Jupiter verhieß den Tieren, die er in der Welt erschuf,
Das zu geben, was sie wünschten. Jedes kam auf seinen Ruf.
Alle wünschten, alle baten; was sie baten, ward verliehn.
Zu den andern kroch die Schnecke, bis sie vor dem Zeus erschien.

Diese sprach: O Haupt der Götter, lass mich doch ein Haus erflehn,
Das nur mir, nicht andern, dienet, still darin herumzugehn!
Wenigstens bleibt meine Wohnung von Verdrießlichen befreit,
Ich entschleiche vielen Forschern, vielen Neidern, vielem Streit.

Tausend mögen stolzer wählen; jeder Segen, der mir blüht,
Blüht mir schöner und gedoppelt, wann ein Böser ihn nicht sieht.
Wahl und Vortrag ward gebilligt: Jupiter ging dieses ein,
Und vor vielen schien die Schnecke glücklich und gescheit zu sein.

Friedrich von Hagedorn (1708-1754)


Das Schneckenhaus

O Schnecke! Wie beneid' ich dich!
Gefällt dir's nicht an einem Ort,
Trägst du dein Haus zum andern fort,
O hätte solch ein Haus auch ich!

Hab' auch ein Haus gebaut, allein
Fest sitzt das, wo ich's hingetan,
Und ich bin ein gefangner Mann,
Trag an den Füßen Kalk und Stein.

Das Haus wär' mir schon lieb und gut,
Dürft' ich nur niemals aus ihm gehn,
Doch was ich außer ihm muss sehn,
Das bricht mir wahrlich oft den Mut.

Dann möcht' ich's setzen auf die Hand,
Möcht' sprechen: „Komm mit mir, mein Haus,
Fort in die weite Welt hinaus:
Denn hier ist nicht mein Heimatland.

Möcht' setzen dich dahin, wo nur
Ein Urwald wogend dich umrauscht,
Kein Mensch dein Innres mehr belauscht,
Tief in den Busen der Natur."

Wenn sich kein Steinlein rühret dann
Und ich umsonst besprach das Haus,
Tönt's in mir: Bald ja tausch' ich's aus
Mit einem, das man tragen kann.

Justinus Kerner (1786-1862)


Straßenbahn 23 und 13

Was nur in Frankfurt sich begibt:
Die Trambahn hielt auf offner Strecke.
Sie sah am Wege eine Schnecke
Und sagte gähnend: „Steigen Sie ein, wenn es Ihnen beliebt."
Die Schnecke wehrte: „Danke, mir pressiert es."


Da gab die Bahn ein Abfahrtssignal und noch eins und ein drittes und viertes.
Und wirklich begann sie allmählich weiter zu fahren,
Um noch vor Sonntag die nächste Station zu erreichen.
Dort lagen an dreihundert Leichen,
Lauter Leute, die über dem Warten verhungert waren.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)



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