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Die Schöne Lau - Die Arge Lau

Die schöne Lau, ein Wasserweib, soll in einem Wasserloch, dem Blautopf, vor langer Zeit gelebt haben. Im Volksmund wurde sie auch die arge Lau genannt, weil sie gelegentlich großes Ungemach über die am Blautopf lebenden Menschen gebracht haben soll.

Kolophon: 4 Unikatbücher in Variation, selbstgeschöpftes Papier aus 85 % Baumwolle und 15 % Flachs, mit farbiger Papiermalerei und Papiergüssen, 14 Blätter, je rückseitig signiert, ca 21 x 21 cm, Pergamentzwischenblätter, 100 g, mit Textzitaten von Eduard Mörike, Das Stuttgarter Hutzelmännlein, 1852, und einem Nachwort, in Umschlag aus Kupferdruckkarton (Hahnemühle), 150 g, gefaltet ca 22,5 x ca 23,5 cm, doppelt, äußere Seite acquarelliert, mit dünnem grün/blauem Faden zusammengefaßt, blaues Lot aus ebenfalls selbstgeschöpftem Papier, handsigniert, Frankfurt 2007, Individuelles Lesezeichen aus selbstgeschöpftem Papier mit Papiergüssen und angehängtem Papierlot

Die schöne Lau
Die arge Lau

Die schöne Lau, ein Wasserweib, soll in einem Wasserloch, dem Blautopf, vor langer Zeit gelebt haben. Im Volksmund wurde sie auch die arge Lau genannt, weil sie gelegentlich großes Ungemach über die am Blautopf lebenden Menschen gebracht haben soll, wenn dieser überlief und Überschwemmungen verursachte.

Der Blautopf bei Blaubeuren in der Schwäbischen Alb gelegen, ist eine große Karstquelle. Da die Albhochfläche aus porösem und brüchigem Kalkgestein, in sich stark zerklüftet und verwittert, besteht, sammelt sich das versickernde Regenwasser in weitverzweigten Höhlensystemen, aus denen große Wassermassen an die Oberfläche, so hier am Blautopf drängen. Durch den Wasserdruck ist ein trichterförmiger Quelltopf entstanden mit einer spiegelgleichen Oberfläche. Die Farbe Blau, nach der diese Karstquelle benannt ist, schillert von intensivem Blau bis ins Grünliche nach Niederschlägen und Schneeschmelze. Das Innere der Blautopfhöhle ist bis heute noch nicht gänzlich erforscht, wenn auch heutzutage die Tiefe mit 21 Metern festzustehen scheint.

Das war nicht immer so, die Menschen früherer Zeiten hatten durchaus versucht, die Tiefe dieses geheimnisvollen Quelltopfes zu ergründen, wie Eduard Mörike in den Anmerkungen zu seinem Stuttgarter Hutzelmännlein beschreibt. Die Lage des Blautopfs in einem engen Talwinkel, seine tiefblaue Farbe, seine unergründliche Tiefe, das Geheimnis seines Zuflusses, der ganze verwunschene Ort hat die Menschen veranlasst, hier mehr als eine natürliche Erscheinung zu sehen. So ranken sich Märchen und Legenden voller Zauber um diesen Quelltopf.
Eduard Mörike beschreibt den Blautopf 1852 in seinem „Stuttgarter Hutzelmännlein „ folgendermaßen:
„Im Schwabenlande, auf der Alb, bei dem Städtlein Blaubeuren, dicht hinter dem alten Mönchskloster, sieht man nächst einer jähen Felsenwand den großen runden Kessel einer wundersamen Quelle, der Blautopf genannt. Gen Morgen sendet er ein Flüsschen aus, die Blau, welche der Donau zufällt. Dieser Teich ist einwärts wie ein tiefer Trichter, sein Wasser von Farbe ganz blau, sehr herrlich, mit Worten nicht wohl zu beschreiben; wenn man es aber schöpft, sieht es ganz hell in dem Gefäß...
Die dunkle, vollkommen blaue Farbe der Quelle, ihre verborgene Tiefe und die wilde Natur der ganzen Umgebung verleihen ihr ein feierliches, geheimnisvolles Ansehn. Kein Wunder, wenn sie in alten Zeiten als heilig betrachtet wurde, und wenn das Volk noch jetzt mit abenteuerlichen Vorstellungen davon sich trägt...
Die schöne Bläue des übrigens krystallhellen Wassers verstärkt sich mit zunehmender Tiefe; nur an dem Rande, wo die Vegetation einwirkt, fällt sie ins Grüne. Bis jetzt ist dieses Blau noch nicht genügend erklärt. Weder in der Umgebung noch in der Farbe des Grunds kann die Ursache liegen, weil das Wasser sein bläuliches Ansehen bis zum Ausfluss in die Donau behält...
Sein Spiegel ist gewöhnlich ganz ruhig, so dass man kein Hervorquellen bemerkt; dennoch ist der Abfluss so stark, dass er nicht nur mittelst des an der Quelle angebrachten Brunnenhauses die ganze Stadt und das Kloster mit Wasser versieht, sondern auch ein ebenfalls daran stehendes Hammerwerk und unmittelbar darauf vier Mühlen treibt. Bei anhaltendem Regen und Tauwetter trübt sich die Quelle, wird auffallend stärker und so unruhig, dass sie beträchtliche Wellen aufwirft und Überschwemmungen verursacht. ...
Unstreitig steht der Blautopf durch unterirdische Klüfte in Verbindung mit der Albfläche und insbesondere mit den darauf befindlichen Erdtrichtern“.

So verwundert es nicht, dass die Menschen sich vorstellten, auf dem Grund des geheimnisvollen blauen Wassers würde eine Wassernixe, ein Wasserweib, wohnen, das allerhand Zauber auszuüben wusste und über Wunderdinge verfügte.
Mörike schildert uns in seinem Märchen „die wahre und anmutige Historie von der schönen Lau“, dieses Wasserweib, die Schöne Lau, und greift dabei sicherlich auf die ihm bekannten schwäbischen Legenden und Märchen zurück:

„Zuunterst auf dem Grund saß ehmals eine Wasserfrau mit langen fließenden Haaren. Ihr Leib war allenthalben wie eines schönen, natürlichen Weibs, dies eine ausgenommen, daß sie zwischen den Fingern und Zehen eine Schwimmhaut hatte, blühweiß und zärter als ein Blatt vom Mohn. Im Städtlein ist noch heutzutag ein alter Bau, vormals ein Frauenkloster, hernach zu einer großen Wirtschaft eingerichtet und hieß darum der Nonnenhof. Dort hing vor sechzig Jahren noch ein Bildnis von dem Wasserweib, trotz Rauch und Alter noch wohl kenntlich in den Farben. Da hatte sie die Hände kreuzweis auf die Brust gelegt, ihr Angesicht sah weißlich, das Haupthaar schwarz, die Augen aber, welche sehr groß waren, blau. Beim Volk hieß sie die arge Lau im Topf, auch wohl die schöne Lau. Gegen die Menschen erzeigte sie sich bald böse, bald gut. Zuzeiten, wenn sie im Unmut den Gumpen übergehen ließ, kam Stadt und Kloster in Gefahr, dann brachten ihr die Bürger in einem feierlichen Aufzug oft Geschenke, sie zu begütigen...“

Die schöne Lau war dieser Legende nach eine Fürstentochter, und zwar, von Mutterseiten her halbmenschlichen Geblüts, und die Gemahlin eines bedeutenden sagenhaften Wasserkönigs im Schwarzen Meer, der sie in den Blautopf verbannt hatte, weil sie ihm nur tote Kinder gebar. Voraussetzung für eine Rückkehr und die Geburt lebender Kinder sollte fünfmaliges Lachen innerhalb eines Jahres sein. Unter Mithilfe der am Blautopf lebenden freundlichen Menschen lernte sie wieder zu lachen und kehrte, nicht ohne reichlich wundersame Geschenke zurück zu lassen, an den Königshof im Schwarzen Meer zurück.

Mörike hat diese Sage in seine Geschichte vom Stuttgarter Hutzelmännlein eingewoben, in der ein Stuttgarter Schustergeselle auf Wunderschuhen durch Schwaben wandert und auch zum Blautopf gelangt, wo er unwissentlich noch von diesen Gaben der Schönen Lau etwas erhält.


Die Zitate sind entnommen aus:
Eduard Mörike, Das Stuttgarter Hutzelmännlein, 1852

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