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Der alte Großvater und der Enkel

"Was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füge keinem andern zu" heißt das bekannte Sprichwort, das viel zu oft nicht beherzigt wird. Niemand will, wie der alte Großvater in diesem Märchen, das so zeitkritisch wirkt, in die Ecke geschoben werden, und doch landen viele alte Menschen im Heim, wo niemand selber hin möchte.

Kolophon: 4 Unikatbücher in Variation im Holzkasten, Frankfurt 2007, handsigniert Buch: Einband aus Pappelsperrholz, 24 x 15 cm, 6 Buchseiten, Handpressendruck auf Fichtenholzfunier Fichte, Satz auf Photopolymerbasis in Verdana 13 pt, Fadenbindung, Holzkasten: Lindenholz, 29,4 x 20,5 x 3,6 cm, Deckel mit geschnitzter Darstellung von Schüssel und Löffel, individuelle Lesezeichen, Handpressendruck auf Fichtenholzfunier Begleitheft

Warum Märchen?
In einer globalisierten Welt, in der über internet, Fernsehen, Radio und Printmedien täglich eine Flut an Berichten und Bildmaterial Terror, Krieg, Gewalt, Naturkatastrophen, ja Unglück in jeglicher Weise an uns herangetragen wird, bedarf es größter Anstrengung und konsequenter Zurücknahme, um nicht völlig von diesen Negativmeldungen überschwemmt zu werden. Dieser Zumutung sich zu entziehen, bedarf es heute, da „Informiertsein“ „in“ ist, fast Mut, denn dem Menschen als sozialem Wesen stehe das Mitleiden gut an. So heißt es, meint aber vielleicht doch mehr und mehr Sensationsgier und Voyeurismus jeglicher Spielart.
Aber leiden wir denn mit? Sind wir dessen überhaupt noch fähig bei dieser Flut an Hiobsbotschaften? Häufig erfahren wir nur den Anfang des Schreckens, über den Fortgang der Ereignisse wird nur so lange berichtet, als er Neuigkeitswert besitzt nach dem bekannten Handlungsmodus „bad news are good news“. Selten erfahren wir deren Ende. Wir stehen den „unvollendeten“ Geschichten gegenüber. Das macht hilflos.
Wie sind die Folgen und die Bedeutung des gezeigten Ereignisses einzuordnen? Haben sie sich ins Positive gewendet, ist ein Ende abzusehen, oder wird es ein Schrecken ohne Ende sein? Wir werden alleingelassen mit der Frage nach Sinn, Gerechtigkeit, ja nach meist historischen Zusammenhängen in dieser nur scheinbar informierten Gegenwart. Unsere Hilflosigkeit drückt sich in der Spendenflut nach dem großen Tsunami aus, deren Verwendung uns nur gelegentlich und schleichend langsam zur Kenntnis gebracht wird.
Schwarzgrau steht die ökologische Zukunft vor uns, von Erhellung, Einsicht, Vorsicht und Übersicht, die den dringenden Handlungsbedarf in reale Umsetzung leiten könnte, ist wenig zu spüren.

Also Zuflucht in die geordnete Welt der Märchen? Rückzug in die gesicherte, überschaubare Welt der Märchen, in der Gut und Böse klar geschieden, wie auch definiert ist, der Handlungsstrang sich zwangsläufig zum Happy End hin bewegt, und wenn nicht, so doch zu einem als gerecht empfundenen Ende führt, die Welt geschlossen in sich ruht und in sich selbst recht hat. In dieser irrealen verzauberten Welt des Märchens herrscht Gewißheit über Belohnung und Bestrafung. Grausamkeit und Güte stehen dicht nebeneinander. Heilung des Schadens und Wiedergutmachung durch Zauberkräfte oder Wunder unterstützen den Glauben an einen tieferen Sinn im Leben, an einen gerechten Ausgleich der Geschehnisse.

Vielleicht gibt die Beschäftigung mit Märchen wieder den Blick frei auf das Wesentliche, das Menschliche, das Wunderbare, was auch möglich wie nötig zu sein scheint. Im Märchen herrschen klare Verhältnisse, da ist Schwarz, da ist Weiß, da gilt Überschaubarkeit. Im Märchen ist die Welt noch in Ordnung. Der Gute wird belohnt, der Böse bestraft. Alles hat seinen festen Platz. Der Weg, so abenteuerlich und verwunderlich er auch sein mag, ein Zauber liegt über ihm. Er wird nicht hinterfragt, er scheint so selbstverständlich wie naturgegeben. Das Märchenhafte, Zauberhafte, Unmögliche findet Raum und Logik, Ursache und Wirkung sind klar nachvollziehbar. Die Charaktere sind typisiert. Anschaulichkeit und Nachvollziehbarkeit werden mit wenigen Details im Handlungsstrang erreicht. Zweifellos wird die Identifikation mit den handelnden positiv besetzten Charakteren erleichtert, indem hier die prächtige Belohnung und dort die drastische Strafe erfolgt.

Die Volksmärchen, die keinen einzelnen Autor nennen, vielleicht aus Mythen und Legenden gespeist wurden, wurden mündlich tradiert und mögen manche Veränderung im Lauf der Zeit erfahren haben. Ich stelle sie mir wie einen großen Granitblock vor, an dem das Wasser, der Wind und der Frost jahrhundertelang geschliffen haben. Alles Persönliche, das den Ursprung der Geschichte veranlaßte, wurde abgeschliffen, weggespült, sodass nur der Kern der Aussage stehen blieb. Eine Antwort darauf , wie sich die von den Brüdern Grimm aufgezeichneten und damit festgezurrten Märchen bis heute weiterentwickelt hätten, wird es nicht geben. Vielleicht wären sie auch nach und nach untergegangen in der Flut neuer Leseangebote. Denn die Märchen dienten dem Volk als Erbauung, Unterhaltung und vornehmlich auch der Erziehung und Belehrung.

In einer oftmals verschlüsselten Bildsprache boten sie den Menschen Hilfe zur Selbsthilfe, wie man das heute zu nennen pflegt, sie konnten sich auf ihrem Weg zur Reifung daran entwickeln. Sicherlich dienten die Märchen mit ihren typisierten archaisch anmutenden Gestalten auch zur Veranschaulichung von gängigen Lebensproblemen, die an den Inhalten der Märchen und ihrer darin dargestellten Problematik gemessen zur Lösung gelangen konnten. Wesentlichen Anteil an der persönlichen Interpretation der Märchen haben deren bildhafte Sprache, die intensive Gefühle beim Leser bzw. Zuhörer auslösen können. Eine klare Symbolsprache, in der ein Symbol oder eine Metapher für etwas steht, was nicht explizit ausgesprochen werden muß, trägt maßgeblich zum vereinfachten Verständnis des Handlungsablaufs der Erzählung bei. Dieses zweifelsfrei Erkennbare und Deutbare in der vorgetragenen Geschichte bewirkt eine Beruhigung und Klärung der aufgeregten Seele. Somit mögen zwar die Ansätze, die Symbole der Märchen tiefenpsychologisch, soziologisch oder aus der geschichtlichen Situation heraus erkären wollen, wissenschaftlich von einem gewissen Wert sein, erscheinen mir aber völlig überflüssig für den Märchenleser bzw den Zuhörer.

Offensichtlich behalten die Märchen ihren Zauber, der über ihrem geschlossenen Kosmos liegt. Eine Welt, die zu betreten sich auch heute noch lohnt, denn hier findet sich eine vollendete Geschichte, in der der Glaube nicht verloren gegangen ist. Trotz aller Verläßlichkeit, Geradlinigkeit und Übersichtlichkeit im Märchen, birgt dieses ein rätselhaftes Geheimnis, eine Überraschung, indem durch Zauberkräfte der dramatische Fortgang der Geschichte eine unerwartete Wendung nimmt und die Märchengestalten aus ihrem Schicksal erlöst werden. Schicksal besitzt im Märchen keinen unabwendbaren Charakter, das ist das Offene des Hoffens, des Glaubens in ihm. Es mag zwar ein verborgenes Motiv geben, das zu entdecken gilt, ein Ritual, das zu abzusolvieren ist, doch dies wird begleitet vom traumwandlerisch Sicheren des Unbewußten, eines Unterbewußtseins, das dem Vollzug der notwendigen Handlung den richtigen Weg weist.

Fasziniert von den erzählerischen Mitteln der Bildsprache im Märchen, möchte ich seine Metaphern, Symbole und Sprachbilder aufgreifen und in eine eigene Bildsprache der Visualisierung überführen. Die den Farben und Formen zugeschriebene Bedeutung steht bei der Gestaltung im Vordergrund. Reale Bildzitate, teils selbst gestaltete, teils vorgefundene, bieten sich als Einstieg in die schimmernde verzauberte Welt der Märchen an. So haben auch mich die Grimmschen Märchen mit ihrem Zauber in ihren Bann gezogen.

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