Sie sind hier: Werke / 2006 / Licht und Schatten

Licht und Schatten

Wie Yin & Yang emblematisch für polare Gegensätze stehen und doch dabei eine Einheit bilden, so bedingen sich gegenseitig untrennbar Licht und Schatten.

Kolophon: 7 Unikatbücher in Variation, selbstgeschöpftes Papier aus Baumwolle in weiß, schwarz und grau mit Papiergüssen, je rückseitig signiert, ca 21 x 21 cm, Pergamentzwischenblätter mit Textzitaten von Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1814, und einem Nachwort, in Umschlag aus Zerkall Bütten, 340g, mit einer dünnen schwarzen Kordel zusammengefaßt, graue Papierstiefelchen aus selbstgeschöpftem Baumwollpapier, handsigniert, Frankfurt 2006 Individuelle Lesezeichen aus selbstgeschöpftem Baumwollpapier mit Papiergüssen und angehängtem Papierstiefelchen

Jedem ist der physikalische Tatbestand, wo Licht da auch Schatten, so verinnerlicht, daß er normalerweise ihn kaum beachtet, es sei denn, er schaue bewußt auf eine Sonnenuhr, um die Zeit abzulesen, oder sucht in der sommerlichen Hitze nach einem Schattenplätzchen unter einem schattenspendenden Baum oder wenigstens unter einem Sonnenschirm.
Wie Yin & Yang emblematisch für polare Gegensätze stehen und doch dabei eine Einheit bilden, so bedingen sich gegenseitig untrennbar Licht und Schatten, worauf das Prinzip der Zeitmessung bei der Sonnenuhr ja funktioniert.

Und doch, kaum beachtet, da so selbstverständlich wie das Ein- und Ausatmen, wie das Sehen, das ohne Licht wie eben auch ohne Schatten nicht möglich ist, gehört der Schatten offenbar in einem sehr hohen Maße zu den verinnerlichten Welterfahrungen des Menschen, kaum bewußt zwar, sofort aber ins Bewußtsein überdeutlich tretend, sobald er eben fehlt.

Genau dies ist das Thema, das Adelbert von Chamisso, - er lebte von 1781 bis 1838 - , in seiner Märchennovelle "Peter Schlemihls wundersame Geschichte" behandelt, die er 1814 veröffentlichte. Darin verkauft der mittellose Peter Schlemihl, der allerdings über einen "schönen, schönen Schatten" verfügt, wie ein "stiller, dünner, hagerer, länglicher, ältlicher Mann" in grauem Rock bewundernd sagt, diesem Mann, "der wie ein Ende Zwirn aussieht, der einem Schneider aus der Nadel entlaufen ist", seinen Schatten für "einen mäßig großen, fest genähten Beutel von starkem Korduanleder an zwei tüchtigen ledernen Schnüren"“, den "Fortunati Glücksäckel", nicht in diesem Augenblick ahnend, daß dieser Beutel, der schier endlos Goldstücke produzieren kann, ihm keineswegs Glück bringen wird.
Peter Schlemihl beachtet den Verlust seines "edlen" Schattens, den der Mann in grauem Tuch aufzuheben und zu ihm zu stecken erbat, zunächst nicht, da ihm sein Schatten als belangloses Abbild erschien, wurde aber rasch aufs Nachdrücklichste von den ihm begegnenden Menschen erschrocken darauf hingewiesen: "Sehe sich der Herr doch vor, sie haben Ihren Schatten verloren" oder "Jesus Maria!
Der arme Mensch hat keinen Schatten!" Schlagartig wurde ihm klar, daß der Besitz eines Schattens weitaus höher geschätzt wird als "bloßes Gold".

Ein armer Mensch mag Verachtung erfahren, aber ein Mensch, seines Schattens verlustig, jagt den Menschen Furcht und Schrecken ein. Es ist etwas Unheimliches, Übernatürliches, nicht Erklärliches, auch wenn Peter Schlemihl den Fragenden für seinen Verlust die seltsamsten Erklärungsgeschichten anbietet. Beispielsweise erzählt er, es sei ihm während einer winterlichen Rußlandreise "bei einer außerordentlichen Kälte sein Schatten dergestalt am Boden" angefroren, "daß er ihn nicht wieder los bekommen konnte" oder, es seien ihm während einer bösen langen Krankheit Haare, Nagel und Schatten ausgegangen“, wobei letzterer "noch nicht wieder wachsen" wolle.

Die Menschen in dieser Märchennovelle spüren das Unheimliche, Widernatürliche, das der Mangel eines Schattens bedeutet, spüren, daß Reichtum gegen einen Schatten nicht aufgewogen werden kann.

Natürlich steht der "Mann in grauem Rock" für den Teufel, für die Verführung. Er hat leichtes Spiel mit arglosen Menschen wie Peter Schlemihl, oder auch gierigen, die vom Wunsch nach Glück, das sie mit Reichtum gleichsetzen und verwechseln, besessen sind, und die benommen vom Anblick des Goldes ihr Schicksal in die Hand des Satans legen und hoffnungslos ihm verfallen.

Aber die List des Teufels und auch seine Überredungskünste reichen bei Peter Schlemihl nicht aus, diesem seine Seele für den Schatten einzutauschen. So läßt Chamisso ihn sagen:“ Es scheint mir doch gewissermaßen bedenklich, meine Seele an meinen Schatten zu setzen“. Worauf der sich als "armen Teufel" bezeichnenden Satan "in ein lautes Gelächter" ausbricht: "Und wenn ich fragen darf, was ist denn das für ein Ding, Ihre Seele? Haben Sie es je gesehen, und was denken Sie damit anzufangen, wenn Sie einst tot sind? Seien Sie doch froh, einen Liebhaber zu finden, der Ihnen bei Lebenszeit noch den Nachlaß dieses X, dieser galvanischen Kraft oder polarisierenden Wirksamkeit und was alles das närrische Ding sein soll, mit etwas Wirklichem bezahlen will, nämlich mit Ihrem leibhaftigen Schatten, durch den Sie zu der Hand Ihrer Geliebten und zu der Erfüllung aller Ihrer Wünsche gelangen können".
Peter Schlemihl wirft statt dessen den Fortunati Glücksäckel fort und entgegnet "So beschwör ich dich im Namen Gottes, Entsetzlicher, hebe dich von dannen und lasse dich nie wieder vor meinen Augen blicken!"
Vielleicht wollte Chamisso uns in dem schönen blondlockigen Knaben, der Peter Schlemihl die Siebenmeilenstiefel verkauft, einen Gottesboten, einen Engel, sehen lassen, der den nun nicht nur wie anfangs mittellosen nun aber auch noch schattenlosen Peter Schlemihl als Ausgleich für den Verlust, aber auch für dessen Standfestigkeit sein Glück in der Naturbeobachtung finden läßt.

Das Licht, das Weiße, das Helle, wird dem Gegenpol, dem Schwarzen, dem Dunklen , dem Schatten entgegengesetzt, sie sind zwei Seiten einer Medaille, untrennbar verbunden. Gern wird das Helle, das Licht, dem Positiven zugeordnet, das Schwarze, der Schatten, dem Negativen. Doch hier zeigt sich, daß der dunkle Schatten, die dunkle Seite ebenso notwendig wie natürlich ist, ja, daß bei seinem Fehlen das Lebensglück eines Menschen zerstört werden kann.

Meint nun Chamisso, daß auch diese dem Menschen zugehörige Schattenseite überlebensnotwendig ist, um in der sozialen Gemeinschaft glücklich zu werden? Oder geht es hier tatsächlich nur um den moralischen Zeigefinger, nicht dem Golde nachzustreben? So läßt er Peter Schlemihl zum Schluß sagen: "Und dich, mein lieber Chamisso, hab ich zum Bewahrer meiner wundersamen Geschichte erkoren, auf daß sie vielleicht, wenn ich von der Erde verschwunden bin, manchem Bewohner zur nützlichen Lehre gereichen könne. Du aber, mein Freund, willst du unter Menschen leben, so lerne verehren zuvörderst den Schatten, sodann das Geld. Willst du nur dir und deinem bessern Selbst leben, o so brauchst du keinen Rat".

Zumindest zeigt die Erfolgsgeschichte dieser Märchennovelle, daß sie beim Leser angekommen ist. Sie zeigt eben auch, daß jedem ein Schatten zugeordnet ist, den er nicht nachlässig veräußern oder negieren, sondern als ihm untrennbar zugehörig empfinden möge, um seines Lebensglückes nicht verlustig zu gehen.

Die Zitate sind entnommen aus:
Adelbert von Chamisso, Peter Schlemihls wundersame Geschichte, 1814

"Während der kurzen Zeit, wo ich das Glück genoß, mich in Ihrer Nähe zu befinden, hab ich, mein Herr, einigemal – erlauben Sie, daß ich es Ihnen sage – wirklich mit unaussprechlicher Bewunderung den schönen, schönen Schatten betrachten können, den Sie in der Sonne, und gleichsam mit einer gewissen edlen Verachtung, ohne selbst darauf zu merken, von sich werfen, den herrlichen Schatten da zu Ihren Füßen. Verzeihen Sie mir die freilich kühne Zumutung. Sollten Sie sich wohl nicht abgeneigt finden, mir diesen Ihren Schatten zu überlassen?"

"Topp! Der Handel gilt, für den Beutel haben Sie meinen Schatten." "Er schlug ein, kniete dann ungesäumt vor mir nieder, und mit einer bewundernswürdigen Geschicklichkeit sah ich ihn meinen Schatten, vom Kopf bis zu meinen Füßen, leise von dem Grase lösen, aufheben, zusammenrollen und falten und zuletzt einstecken. Er stand auf, verbeugte sich noch einmal vor mir und zog sich nach dem Rosengebüsche zurück".

"Nein", rief er aus, "was die Welt auch meine, ich kann und werde um Schattens willen meinen gütigen Herrn nicht verlassen, ich werde recht und nicht klug handeln, ich werde bei Ihnen bleiben, Ihnen meinen Schatten borgen, Ihnen helfen, wo ich kann".
"Seitdem änderten sich in etwas mein Schicksal und meine Lebensweise. Es ist unbeschreiblich, wie vorsorglich Bendel mein Gebrechen zu verhehlen wußte. Überall war er vor mir und mit mir, alles vorhersehend, Anstalten treffend und, wo Gefahr unversehens drohte, mich schnell mit seinem Schatten überdeckend, denn er war größer und stärker als ich".

"Da ich an einem schönen Abend nach meiner Gewohnheit eine Gesellschaft in einem Garten versammelt hatte, wandelte ich mit der Herrin Arm in Arm, in einiger Entfernung von den übrigen Gästen, und bemühte mich, ihr Redensarten vorzudrechseln. Sie sah sittig vor sich nieder und erwiderte leise den Druck meiner Hand, da trat unversehens hinter uns der Mond aus den Wolken hervor – und sie sah nur ihren Schatten vor sich hinfallen. Sie fuhr zusammen und blickte bestürzt mich an, dann wieder auf die Erde, mit dem Auge meinen Schatten begehrend! Und was in ihr vorging, malte sich so sonderbar in ihren Mienen, daß ich in ein lautes Gelächter hätte ausbrechen mögen, wenn es mir nicht selber eiskalt über den Rücken gelaufen wäre."

"Ich hatte dergestalt alle Besinnung verloren, daß ich, wie irre redend, anfing, es wäre doch am Ende ein Schattten nichts als ein Schatten, man könne auch ohne das fertig werden, und es wäre nicht der Mühe wert, solchen Lärm davon zu erheben. Aber ich fühlte so sehr den Ungrund von dem, was ich sprach, daß ich von selbst aufhörte, ohne daß er mich einer Antwort gewürdigt. Ich fügte noch hinzu, was man einmal verloren, könne man ein andermal wiederfinden.
Er fuhr mich zornig an: "Gestehen Sie mirs, mein Herr, gestehen Sie mirs, wie sind Sie um Ihren Schatten gekommen?"
"Ich mußte wieder lügen: "Es trat mir dereinst ein ungeschlachter Mann so flämisch in meinen Schatten, daß er ein großes Loch darein riß – ich habe ihn nun zum Ausbessern gegeben, denn Gold vermag viel, ich habe ihn schon gestern wieder bekommen sollen".

"Er zog sogleich meinenSchatten aus seiner Tasche, und ihn mit einem geschickten Wurf auf der Heide entfaltend, breitete er ihn auf der Sonnenseite zu seinen Füßen aus, so, daß er zwischen den beiden ihm aufwartenden Schatten, dem meinen und dem seinen, daherging, denn meiner mußte ihm gleichfalls gehorchen und nach allen seinen Bewegungen sich richten und bequemen."

"Ich trat schon auf den bloßen Füßen. Ich mußte ein Paar neue Stiefel anschaffen. Am nächsten Morgen besorgte ich dieses Geschäft mit vielem Ernst in einem Flecken, wo Kirmes war und wo in einer Bude alte und neue Stiefel zu Kauf standen. Ich wählte und handelte lange. Ich mußte auf ein Paar neue, die ich gern gehabt hätte, Verzicht leisten; mich schreckte die unbillige Forderung. Ich begnügte mich also mit alten, die noch gut und stark waren und die mir der schöne blondlockige Knabe, der die Bude hielt, gegen gleich bare Bezahlung freundlich lächelnd einhändigte, indem er mir Glück auf den Weg wünschte. Ich zog sie gleich an und ging zum nördlich gelegenen Tor aus dem Ort".

im Werkverzeichnis blättern


QR code for this pageFriederun Friederichs - Buckunst - http://www.friederun.de